Unendliche Weiten

Unendliche Weiten/ Gerd Altmann

Auch etage2 wurde bewichtelt. Und zwar von Texttreffkollegin Sabine Schönberg: Werbetexterin, Konzeptionerin und “koffeingeladene Social-Media-Tante”, wie sie über sich sagt. Sabine setzt mit ihrem Beitrag unsere Reihe “Wie das Internet unseren Zugang zur Welt verändert” fort und macht sich Gedanken über das so genannte Web 4.0. etage2 sagt: “Schöne Aussichten” …

Das Web. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2016, die Menschheit befindet sich in der vierten Dekade des Internetzeitalters.

Heute ist es mir wieder passiert. Ich vergaß, dass ich mein Livephone (Nachfolger des Smartphones) erst in die Hand nehmen sollte, wenn ich „salonfähig“ bin. Ein Handgriff und schwupps, mit meinem Biocheck landete ein Echtzeit-Foto bei FacedIn. Ich mag das. Wirklich. Verpennt, wirre Haare, Bademantel. Ich lerne es einfach nicht. Die Livephones senden postwendend, automatisch und unabstellbar einen Biocheck an das Netzwerk, sobald man das Gerät am Morgen erstmals in die Hand nimmt. Mit besagtem Foto erscheinen im Avatar Angaben wie Gewicht, Blutdruck, Größe, Gemütszustand und Ähnliches. FacedIn weiß mittlerweile alles über mich. Aber auch über jeden anderen.

Rückblick.
2011 brachte der Suchmaschinengigant Google endlich ein Social Network auf den Markt, das von der Webgemeinde angenommen wurde. Google+ schlug ein wie eine Bombe und nach zahlreichen Erweiterungen und Verbesserungen drohte das Netzwerk schon Mitte 2012 den Konkurrenten Facebook vom ersten Platz zu verdrängen. Der Kampf der Giganten machte das Jahr für alle anderen Netzwerke zum Jahr des Untergangs. Twitter, Xing und LinkedIn hatten ihre besten Zeiten hinter sich. Der durchschlagende Erfolg von Google+ und der Machtkampf gegen das Gesichtsbuch stachelte die Entwickler zu Höchstleistungen an. An manchen Tagen erschienen gleich mehrere Updates, sodass die Webgemeinde kaum hinterherkam, die Neuerungen ausfindig zu machen, geschweige denn darüber zu berichten. Andere Social Networks traten in den Hintergrund und wurden schlicht und ergreifend uninteressant. Xing und Twitter schlossen Mitte 2013 ihre Pforten. LinkedIn hingegen wurde von Facebook geschluckt: Man musste professioneller werden und mehr Business bieten, um mit Google+ mitzuhalten. Übrigens ging auch Microsofts Socl 2012 an den Start, es konnte jedoch niemanden für sich begeistern.

Dynamisch. Automatisch. Unberechenbar.
Ende 2013 hatte Facebook das geschluckte LinkedIn fast ausnahmslos eingebunden: FacedIn war da und es machte seinem Namen alle Ehre. Kommentare oder handgetippte Beiträge gehörten der Vergangenheit an, Beiträge gab es nur noch in Form von Videoclips, Diskussionen fanden automatisch über Hangouts statt. Sämtliche mobile Apps buchten sich automatisch an Orten ein und veröffentlichten dies – abschalten kann man diese Funktion übrigens nicht. Das dies schon sehr in die Privatsphäre der Menschheit eingriff, störte zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Leute. Warum auch? Schon 2014 sollten sämtliche Örtlichkeiten mit FacedIn-Kameras ausgestattet sein, 2015 schließlich sollten die FacedIn-Kameras auch in Privatwohnungen installiert werden und alles in der Timeline präsentieren. Einzige Ausnahme: Schlaf- und Feuchträume. FacedIn ist sich seiner Verantwortung der Jugend gegenüber bewusst!

Heute (wir erinnern uns: 2016) können sich jene glücklich schätzen, die – wie ich – selbstständig und von zu Hause aus arbeiten. Solange ich nicht spreche, springt die FacedIn-Kamera nämlich nicht an. Findet aber ein Gespräch statt oder der Bewegungsmelder registriert mehr als eine Person im Umfeld, ist sie da.
Aber auch alle anderen Webteilnehmer sind immer da. Sie schalten sich nämlich über die allgegenwärtigen Kameras direkt in unsere Gespräche ein. Wie sie da manchmal so vom Monitor aus mit uns sprechen: Als wären sie live dabei. Also hier. Bei mir. Leibhaftig im Raum. Ab und an erschrecke ich mich richtig, wenn meine Tochter und ich über den Einkaufszettel diskutieren und plötzlich empfiehlt uns jemand etwas über die Kamera. Hat man mal was verpasst, liest man es einfach in der FacedIn-Chronik nach.

Gestern vergaßen mein Mann und ich diese Funktion für einen Moment. Wir gingen auch nicht ins Schlafzimmer … Ach, was erzähle ich Ihnen das, der darauffolgende Shitstorm ist Ihnen sicher nicht entgangen.

Das Web 4.0: Keine Geheimnisse. Alles Social. We are one world.

PS: Und was geschah mit Google? Sie verloren den Machtkampf gegen ein mit LinkedIn vereintes Facebook. SEO gibt es nicht mehr (das kostete viele Menschen den Job). Und der „FacedIn-Search“ arbeitet mit dem neuen FIS-Rank.

Das perfekte Dinner im Web 3.0
Verrohen unsere sozialen Sitten im Web 2.0?
Wie das Web entstand

PS: ©Gerd Altmann, pixelio.de