Braucht Literatur das gedruckte Buch? Nein, braucht sie nicht. Das zeigt das Literaturportal von Marion Schwehr.
Die Literaturwissenschaftlerin hat mit Streetview Literatur ein Projekt ins Leben gerufen, dass die Möglichkeiten jenseits der reinen Digitalisierung von Texten auslotet. Schwehr bringt die Geschichten verschiedener Autoren zusammen und verknüpft sie zu einem Geflecht.
Eine Stadt, eine Figur, ein Geheimnis. Jede Geschichte wird gerahmt durch einen ganz konkreten Weg, den eine Hauptfigur geht. Der Autor beschreibt diesen Weg nachvollziehbar mit Straßennamen und Angaben zu den Orten. Die Strecken sind bei google maps farbig markiert. Mit einem Klick steigt der Leser in die Geschichte ein und kann der Figur am Bildschirm oder auch real folgen: So kann er dieselbe Straße entlang gehen, dasselbe Geschäft betreten und im selben Café den gleichen Kuchen bestellen. Der Leser erfährt dann, was diese Figur gerade erlebt, was sie macht, was ihr widerfährt. Verlinkungen zeigen zugleich an, welche Figuren aus anderen Geschichten in der Nähe sind oder den Weg kreuzen. Hier kann der Leser entscheiden, welcher Figur er weiter folgen will. Dadurch verbindet der Leser die Geschichten auf eine ganz eigene subjektive Weise miteinander, setzt Ereignisse in eine neue Chronologie und konstruiert eine eigene und ganz neue Geschichte.
Fremdlesen erwünscht. Das Literaturportal stellt sich der Charakteristik des Nutzerverhaltens im Internet und spricht das Assoziative und Unkontrollierbare an. Denn an den Punkten, an denen sich die Figuren aus verschiedenen Geschichten begegnen, verliert der Autor die Kontrolle über die Leserschaft und begibt sich mehr als in einem Buchladen in Konkurrenz. In einem Geflecht an Geschichten liegt die nächste Figur mit einem neuen Geheimnis nur einen Klick entfernt. Und das Wechseln von einer Geschichte in eine andere ist durchaus gewünscht.
Der Leser konstruiert seine ganz eigene Geschichte. Streetview Literatur wird es als Internetportal, als eBook und als App geben. Der Leser kann also die Figuren aus den Geschichten virtuell oder real begleiten: kann sehen, was sie gesehen haben; kann Personen treffen, die sie getroffen haben. Über die Knotenpunkte der Geschichten entsteht ein Netzwerk, dass gleichsam organisch wächst. Der Gesamttext folgt dann keiner linearen Struktur mehr, er hat weder einen Anfang noch ein Ende. Vielmehr entwickelt er mit dem Leser eine Eigendynamik. Denn der Leser sucht sich im Geflecht der Geschichten seinen ganz eigenen und ganz individuellen Pfad. Und über diesen Pfad wird der Leser ebenso zu einem Geschichtenkonstrukteur. Das eröffnet eine neue Literaturerfahrung und stellt auch die Autoren, die jetzt an Gestaltungskraft abgeben müssen, vor neue Herausforderungen. Das Streetview Literatur-Portal von Marion Schwehr geht im Sommer 2011 an den Start und auch Verlage zeigen bereits Interesse, sich und ihre Autoren einzubringen.
P.S. Lies eine Geschichte der Autorin auf Streetview Literatur.

